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"Едоки картофеля" по-немецки. Первая глава


Der Nordwind riecht nach Vanille, der Nordost nach Ölfarben, der Südwind nach Zement und Staub. Am besten ist der Westwind: In dieser Richtung liegt ein Wäldchen, das wie ein Keil fast bis ins Stadtzentrum hinein ragt. Das Leben in der in einem Tal gelegenen Stadt Tscherdatschinsk hängt von der Windrichtung ab, denn die Berge rundherum lassen den Smog nicht abziehen, also hängt er über den Häusern wie ein unsichtbarer Schlapphut.
Alle Tscherdatschinsker verfügen über einen hochentwickelten Geruchssinn. Denn wenn man irgendwo zwischen Bäckerei und Tabakfabrik lebt, auf dem Weg zum Lackfarbenwerk oder hinter der Süßwarenfabrik, nimmt das Leben konkrete Farben und Gerüche an, die man unmöglich ignorieren kann.

Erster Teil
Genau wie drüben
Alles begann mit der Van-Gogh-Ausstellung. Als wäre ein Virus in die Stadt eingedrungen, der alles auf den Kopf stellte.
Das Tscherdatschinsker Museum für Bildende Kunst, das den Namen Viktor Nowitschkow trug und nach Bohnerwachs und ausgetrocknetem Parkett roch, fristete ein stilles Provinzdasein, organisierte Ausstellungen für Pioniere und Pensionäre und gab dazu Faltblätter heraus, die nicht gefragt waren und anschließend ewig stapelweise auf der durch chronische Eintönigkeit und Geldmangel vergilbten Hintertreppe herumlagen.
Doch glauben Sie nicht, das Leben hier wäre gänzlich siech und öde gewesen. Im Gegenteil, es schien sogar, als machten die Tscherdatschinsker Sammlungen eine Renaissance durch, und das stimmte eigentlich auch. Besonders, nachdem ein verrückter Millionär namens Nowitschkow plötzlich auf eigene Kosten einen gigantischen Museumskomplex errichtet hatte – hochmodern, schick, aus Glas und Beton – „genau wie drüben“, bei denen im Westen.
Ja, ja, er engagierte einen angesagten Architekten, kaufte eine neue Einrichtung und stellte Geld für die Unterhaltung des gesamten Komplexes bis zum Jahr 2050 zur Verfügung. Zwar erschoß sich dieser Millionär bald darauf, aus unglücklicher Liebe oder wegen der Niederträchtigkeit seiner Kompagnons, doch sein Werk lebte weiter, über den Ufern des toten Flusses thronend.
Natürlich wurden die Museumsleute beneidet. Nun, da sämtliche Werke aus dem Fundus ausgestellt werden konnten, zeigte sich, daß Tscherdatschinsk eine der besten Sammlungen russischer Kunst aus dem ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts im ganzen Land besaß. Malewitsch, Kandinsky, Larionow, Gontscharowa, buchstäblich alles, bis hin zu einem Kljun, Matjuschin oder Klim Redko. Filonow. Feschin. Falk.
Das erregte Aufsehen, Ausländer kamen. Aus Los Angeles reiste sogar ein Experte für russische Avantgarde an, lief herum, schnalzte vor abgeblätterten Gouachen mit der Zunge, fotografierte mit einer Spezialkamera und studierte die Rückseiten der Bilder (nach vorheriger Erlaubnis), um deren Herkunft zu überprüfen.
Als die Museumsdirektorin Nonna Woroschnina den realen Wert der Sammlung erfuhr, forderte sie vom Gouverneur zusätzliche Stellen für die Bewachung der Kunstwerke – fortan mußte in jedem Saal ein Aufseher sitzen.
Richtig wie in der Eremitage. Oder im Louvre.
So kam Lidija Albertowna zur Kultur.



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